So schaut es aus...

Nur ein falscher Schritt und alles war anders

Schon einige Male wurde ich gefragt, ob ich ein Buch über meine Erfahrungen nach dem bislang größten Einschnitt in meinem Leben schreiben möchte. Ich machte tatsächlich viele Anläufe und freilich war damit nicht nur die Absicht verbunden mir alles von der Seele zu schreiben. Trotz aller Unannehmlichkeiten liegt es mir am Herzen den Hintergrund von Carpe Diem – nutze den Tag – neu aufzuzeigen. In meinem Leben handelte es sich um einen falschen Schritt, eine Bewegung nach vorn, der nicht nur temporär begrenzt massive Folgen nach sich zog. Schicksal oder Zufall, diese Frage stellt sich vermutlich jeder, der ein Ziel vor Augen hatte, zum Greifen nah schien. Jedenfalls ist die permanente Auseinandersetzung mit der schmerzlichen Vergangenheit schwieriger als ich dachte. Dafür muss man sich sicher und irgendwie angekommen fühlen. Der stinkende Müll der Vergangenheit muss abtransportiert in der Deponie liegen. Ich bin noch nicht angekommen und immer wieder stoße ich, metaphorisch gesprochen, in jeder Ecke auf höllischen Gestank. Jeder Tag ist ein Hin und Her der persönlichen Gefühlswelt.

Im Sommer 2010 entschied ich gegen meine eigentlichen Pläne, aufgrund einer sehr spontanen Einladung per Telefon nach München zu reisen. Schicksal? Was wäre passiert, wenn ich das Telefon verloren hätte? Nach  wenigen Tagen des Aufenthalts in München lief ich aus dem obersten Stock eines Altbaus die Treppenstufen herunter um ein wartendes Taxi zu erreichen. Nach einer Geburtstagsfeier, angeheitert vom Lachen und Rotwein, rutschte ich bei einem Griff ans Geländer im Treppenhaus ab, kam ins Strudeln und stürzte aus etwa 8-9 Metern auf dem direkten Weg das viel zu große und tiefe Treppenhaus hinunter. Das Resultat: Ein schweres Schädel-Hirn-Trauma. Überlebenswahrscheinlichkeit: mäßig groß. Wieder der alte Tarik zu werden: relativ gering.

 

Von da an begann ein Kampf, den ich jedoch bereits im Krankenhausbett erahnte, ohne zu wissen, dass die Langzeitfolgen des Unfalls mein ganzes Leben bestimmen würden. Zu diesem Zeitpunkt hatten die damaligen Ärzte versäumt, nach der Entlassung aus dem Krankenhaus, mich auf die Folgen einer schweren Kopfverletzung hinzuweisen. Ich werden mich jedoch hüten Vorwürfe zu machen, denn insgesamt hat die ärztliche Versorgen ohne Abstriche mein Leben gerettet und es wieder vergleichsweise lebenswert gemacht. Blutungen des Gehirns und anschließende Narbenbildungen sind ein Garant dafür unheilbaren epileptischen Anfällen ausgesetzt zu sein.

Der erste trat völlig überraschend in einer Silvesternacht ein, während ich schlief.

Nun halte ich mich mit meinen Schilderungen kurz, denn die darauffolgenden Jahre waren von dauerhafter Angst begleitet. Glücklicherweise war ich bei jedem einzelnen Anfall nicht allein. Ein Zufall? Ich denke nicht. Ich wurde von insgesamt 8 großen Anfällen heimgesucht, die bis zu 13 Minuten andauerten und ohne den Einsatz von Antiepileptika vermutlich mein Leben ausgelöscht hätten.

Die für mich wichtigste Entwicklung von allem war die Tatsache, dass ich auf beeindruckende Art und Weise meine Selbstheilungskräfte kennengelernt hatte. Denn nach dem Unfall konnte ich ein Jahr lang nicht mehr riechen und nur sehr uneingeschränkt sprechen, geschweige denn singen. Ein absoluter Horror! Essen und Kochen, Sprechen und Singen sind mein Lebensinhalt. Ich gab mich der Prognose der Ärzte nicht hin und bewies mir wieder einmal, dass der Glaube an mich selbst das Unmögliche überwinden kann. Meine täglichen dauerhaften Übungen bestanden aus Riechproben mit unterschiedlichen Aromen. Auf meinem Tagesplan verankert war ein ebenso tägliches Aktivieren meiner Stimmbänder durch ein Vibrationsgerät. Mit viel Geduld und Fingerspitzengefühl sang ich ganz vorsichtig. Ich stellte mir vor, dass das zerstörte Areal des Gehirns plötzlich Impulse an die Stimmlippe schicken könne. HNO Ärzte gaben mit die Prognose, dass nach einem derartig langen Ausfall nicht mehr damit zu rechnen sei. „Nein! Nein! Nein! Mein Lebensinhalt wird mir nicht genommen!“, sagte ich immer wieder zu mir. Ich schaffte es. Meine Stimmlippen abreiteten das erste Mal wieder zu dem Song „Forever young“ und der Geschmack einer Himbeere durchströmte plötzlich meinen Kopf, als sei es niemals anders gewesen. Zu diesem Zeitpunkt wurde ich zum dritten Mal geboren.

Heute kann ich, trotz aller bestehenden Unannehmlichkeiten, mit deutlich mehr Ruhe auf diese schwierigen Zeiten zurückblicken. Nach vielen vergeblichen Versuchen mit medikamentöser Behandlungen das Anfallsleiden zu verringern, helfen mir nun zwei Medikamente, denen ich meine Mobilität und die aktive Teilnahme am gesellschaftlichen Leben verdanke. Lamotrigin und Apydan. Leider sind die Nebenwirkungen bei mir erheblich und behindern mich sehr stark. Alle zurückliegenden Versuche mit anderen Medikamenten scheiterten und waren in ihren Nebenwirkungen noch viel drastischer. Mein Tagesrhythmus ist nun bis an mein Lebensende festgelegt, wenn nicht irgendwelche neuen Erfindungen und Entdeckungen in der Zukunft neue Möglichkeiten eröffnen.

 

In der Regel läuft es so ab:

Schritt 1: Medikamente am Morgen

Schritt 2: Ein unterschiedlich stark ausgeprägter Vollrausch bis Mittag, Lesen und Internet

Schritt 3: Müdigkeit und Schlaf

Schritt 4: Ein kurzer Zeitabschnitt, mit klarem Kopf arbeiten oder Freunde und Unternehmungen

Schritt 5: Vollkommene Überlastung,  und Rückzug ins traute Heim

Schritt 6: Erholung, Entspannung, Heimsport, Freunde

Schritt 7: In trauter Zweisamkeit; nur selten unterwegs; gesund essen

 

 

Ich danke Gott, dass ich trotz dieser erheblichen Einschränkungen eine zweite Chance erhielt. In einem Nahtoderlebnis habe ich in die Ferne schauen können und was ich dort sah…. ich sage nur soviel: Alles wird gut!

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